Gefährliche Erreger im Abwasser

In den Abwässern indischer Pharmafirmen, die Antibiotika für den globalen Markt produzieren, wurden hochresistente Erreger entdeckt – so eine Studie, die NDR, BR und SZ vorliegt. Forscher sehen ein hohes Risiko für die weltweite Verbreitung von Infektionen.

Von Christian Baars, NDR

Eine grünliche Brühe fließt unter der Mauer hervor, bildet kleinere und größere Pfützen und läuft dann weiter die Straße hinab. Auf der anderen Seite der Mauer werden Antibiotika hergestellt. Hier in Polepally – etwa 80 Kilometer von der indischen Millionen-Metropole Hyderabad entfernt – produziert der Konzern Aurobindo Medikamente für den weltweiten Markt.

Das Unternehmen ist ein Global Player mit einem Milliarden-Umsatz. Seine Mittel werden in etlichen Ländern unter verschiedenen Markennamen verkauft, so auch in Deutschland.

Auch an anderen Orten wiesen die Umweltaktivisten multiresistente Erreger nach. Sie nahmen gezielt an verschiedenen Produktionsstätten von Antibiotika in Indien Proben. Denn in den vergangenen Jahren hatten Forscher in Indien immer wieder extrem hohe Werte von Medikamenten-Rückständen in den Abwässern solcher Fabriken gemessen. Offenbar gelangen die Wirkstoffe tonnenweise in die Umgebung. Ein perfekter Brutplatz für resistente Erreger, sie überleben in der hoch konzentrierten Medikamentenbrühe.

Erreger resistent gegen hergestellte Antibiotika

Die groß angelegte Studie belegt nun erstmals, dass die gefährlichen Erreger häufig in Abwässern von indischen Pharma-Fabriken vorkommen. Die Wissenschaftler fanden in 16 von 34 untersuchten Proben multiresistente Bakterien. NDR, BR, “Süddeutsche Zeitung” und dem “Bureau of Investigative Journalism” liegt die Studie vorab vor. Ende der Woche soll sie auf einer Konferenz in Kopenhagen vorgestellt werde

Die Forscher testeten sechs verschiedene Antibiotika, die in Indien häufig produziert werden. Bei vier Proben waren die Erreger resistent gegen alle diese Mittel, unter anderem im Abwasser von Aurobindo. Diese Bakterien bleiben nicht dort. Denn bei den Bakterien handelt es sich um gewöhnliche Coli-Bakterien, die in jedem menschlichen Darm leicht ein Zuhause finden und sich rasant verbreiten können.

In wenigen Flugstunden in Europa

“Es ist eine Bedrohung weltweit, wenn Abwässer mit resistenten Erregern in die Umwelt geraten”, sagt Tim Eckmanns, Leiter der Abteilung zur Überwachung von Antibiotikaresistenzen am Berliner Robert-Koch-Institut: “Die Erreger können ins Trinkwasser und zu Tieren kommen und darüber auch zum Menschen.”

Reisende transportieren sie dann weiter, im Zweifel in wenigen Flugstunden bis nach Europa. “Wenn wir Resistenzen in Indien haben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch hier sind“, sagt Eckmanns. Menschen, die mit solchen Bakterien infiziert sind, können schwieriger oder gar nicht mehr behandelt werden.

Rabattverträge mit Aurobindo

Multiresistente Erreger sind die derzeit größte globale Gefahr, warnten die Vereinten Nationen erst kürzlich. Resistenzen entstehen immer dann, wenn übermäßig Antibiotika eingesetzt werden oder in die Umwelt gelangen. Indien steht dabei besonders im Fokus. Dort sterben einer aktuellen Studie zufolge fast 60.000 Neugeborene an multiresistenten Bakterien. Weltweit sind es etwa 700.000 Menschen pro Jahr. Viele befürchten, dass diesen Zahlen noch deutlich steigen werden.

Eine Teil-Verantwortung dafür tragen Pharmahersteller, wenn sie Antibiotika ungefiltert in Gewässer fließen lassen. Aurobindo ist hier nur einer von vielen, doch kein unwesentlicher: In Deutschland haben viele große Krankenkassen wie AOK, Techniker und Barmer Rabattverträge mit dem Unternehmen für verschiedene Medikamente. Das bedeutet: Wenn ein Patient dieser Kassen ein solches Mittel verschrieben bekommt, erhält er in der Apotheke in der Regel ein Präparat von Aurobindo. Das Unternehmen selbst äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen.

Keine Überprüfung von Umweltstandards

Die Kassen zeigten sich jedoch bestürzt. “Wir sind alarmiert”, teilte ein TK-Sprecher mit. Die TK beziehe ihre Antibiotika zwar aus einem anderen Aurobindo-Werk. Aber man wolle nun die Produktionsbedingungen prüfen lassen und “gegebenenfalls Konsequenzen ziehen”. Die Barmer GEK schrieb, sie wolle die Bundesregierung “im Rahmen ihrer Möglichkeiten” auf die Problematik hinweisen. Die AOK Baden-Württemberg teilte mit, sie habe die Aufsichtsbehörden in Kenntnis gesetzt.

Doch die für die Arzneimittel-Kontrollen zuständigen Behörden in Europa überprüfen Hersteller nicht nach ihren Umweltstandards, sondern lediglich nach ihrer medizinischen Qualität. Die Abnehmer müssten deshalb selbst tätig werden, fordert Natasha Hurley, Kampagnenmanagerin bei Changing Markets: Sie “sollten Firmen, die die Umwelt verschmutzen, auf die schwarze Liste setzen.” Ärzte kämpften rund um die Uhr gegen Resistenzen – und dann das: “Es ist schockierend, dass die Pharmaindustrie diese lebensrettenden Anstrengungen unterläuft.”

Qelle: http://www.tagesschau.de/ausland/indien-pharma-keime-101.html

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