Der einsamste Baum der Welt

400.000 Quadratkilometer Sand, mittendrin ein Baum. Jahrzehntelang überlebte eine Akazie in der nigrischen Wüste. Wie hat sie das geschafft? Soldaten gingen dem Rätsel 1939 nach – auf brutale Art.

Gegen ein paar Tonnen Stahl hatte sie keine Chance. Das Ungetüm, das an jenem Tag im Jahr 1973 aus der gleißenden Leere auf sie zugerollt kam, musste kilometerweit zu sehen gewesen sein. Nur nützte das der Akazie nichts. Der Fahrer soll nicht aus der Gegend gewesen sein. Ein betrunkener Libyer, heißt es. Wer auch immer den Lastwagen lenkte – er fuhr direkt in den Baum hinein. Den einzigen im Umkreis von 400 Kilometern.

So jedenfalls überliefert man in der Republik Niger das Ende des berühmtesten Baums der Sahara.

Doch es gibt eine zweite Version, wie Reiseschriftsteller René Gardi 1978 im Buch “Tenere” festhielt: Demnach warf ein Sturm in der Wüste, berüchtigt für ihre beißenden Harmattan-Winde, im November 1973 die Akazie um, die Tuareg-Nomaden über Jahrzehnte wie ein Heiligtum verehrt hatten.

Welches der beiden Enden des “Arbre du Ténéré” plausibler ist, hängt davon ab, was zerstörerischer sein mag – Mensch oder Natur. Auf den ersten Blick scheint die Antwort naheliegend in diesem schattenlosen Höllenkessel aus 400.000 Quadratkilometern Sand und Stein im Herzen der Sahara. Die Ténéré-Wüste heizt sich oft auf über 50 Grad Celsius auf und kann nachts bis unter null abkühlen.

“Wüste der Wüsten” wird sie auch genannt, tatsächlich fällt kaum irgendwo auf der Welt so wenig Niederschlag. Die Sonne über der Ténéré, schrieb Michael Stührenberg 2001 im “GEO”-Magazin, sei nicht einfach “unangenehm”: “Nein, sie trägt sich mit Mordabsichten”. Das bezeugen die vielen sonnengebleichten Kamelknochen. Kaum etwas kann hier überleben. Und genau das machte den Baum von Ténéré so besonders.

Blutiges Manna in der Wüste

“Man muss den Baum gesehen haben, um seine Existenz zu glauben”, notierte der in Französisch-Westafrika stationierte Kommandant Michel Lesourd am 21. Mai 1939. Mitten in der Einöde, 300 Kilometer nordöstlich von Agades, war er auf eine einsame, Y-förmige Schirmakazie getroffen, weithin zu sehen in der platten Landschaft.

Einheimische kannten die Akazie seit Jahrzehnten. Tuareg-Karawanen rasteten hier auf dem Weg nach Bilma, bevor sie im glühenden Sandmeer verschwanden. Lesourd wunderte sich: “Wie kommt es, dass kein Kamel seine Blätter frisst? Warum schneiden die Salzkarawanen nicht seine Äste ab und verwenden sie als Feuerholz?” Er nahm an, der Baum gelte als unantastbar.

Tatsächlich, das erfuhr Schriftsteller René Gardi 1978 von einem Mitreisenden, hatten viele Karawanenführer regelrecht Angst vor dem Baum und weigerten sich, dort zu übernachten. Denn schon mancher habe nachts “Stimmen gehört, Gejammer, Wehklagen, brüllende Kamele”, so Gardis Begleiter. Einige hätten im Dunkeln einen rotglühenden Baumstamm gesehen, der den Platz ringsum erleuchtete. Gepflanzt worden sei der Baum nämlich einst “auf dem Grab eines großen Marabut”, eines islamischen Heiligen. Deshalb sei “jeder, der die Akazie schändete, Äste herunterschlug oder mit dem Beil den Stamm verletzte, krank geworden und bald gestorben”.

Quelle: http://www.spiegel.de/einestages/akazie-in-der-sahara-der-einsamste-baum-der-welt-a-1115058.html