Auf der Couch statt im Büro arbeiten? Nicht in Deutschland

Arbeiten, wo und wann man will: Homeoffice ist praktisch, flexibel und soll die Bindung zum Unternehmen stärken. Trotzdem arbeiten in Deutschland vergleichsweise wenig Menschen von zu Hause aus. Warum tun sich Arbeitgeber damit so schwer?

Bei Microsoft dürfen sich alle Angestellten seit einem Jahr aussuchen, wann und wo sie arbeiten wollen. Egal, ob am Schreibtisch zu Hause, auf der Couch, im Café oder ganz klassisch im Büro – so lange die Aufgaben erledigt werden, können die Mitarbeiter machen, was sie wollen. Damit steht das Softwareunternehmen relativ alleine da. Deutschland ist eine regelrechte Homeoffice-Wüste.

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Ein von @dessau_department_of_design gepostetes Video am 20. Okt 2015 um 1:06 Uhr

Dabei verspricht das Modell, zu Hause arbeiten zu dürfen, mehr Flexibilität, Bequemlichkeit, Familienfreundlichkeit – und für all das treten Unternehmen und Politik seit Jahren ein. Während in der EU immer mehr Arbeitnehmer vom eigenen Schreibtisch aus arbeiten, ist der Trend hierzulande jedoch seit einigen Jahren sogar rückläufig. Nur knapp acht Prozent aller Arbeitnehmer arbeiten ganz oder teilweise in den eigenen vier Wänden.

Kreativität kommt nicht auf Knopfdruck

Seit sieben Jahren nimmt die Zahl der Arbeitnehmer, die keine Anwesenheitspflicht im Büro haben, kontinuierlich ab. Deutschland liegt im Bereich Homeoffice mittlerweile deutlich unter dem EU-Durchschnitt, wie eine  Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ergab. Der Grund dafür liegt in unserer Arbeitskultur: “Leistung wird hier oft mit Präsenz gleichgesetzt”, sagt Dennis Stolze, “das ist ein Denkfehler.” Stolze ist Mitarbeiter des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und forscht dazu, wie sich unsere Arbeitsumgebung entwickelt. Viele Chefs würden immer noch zu sehr auf Überwachung setzen. Das ist der falsche Ansatz, sagt er: “Wissensarbeit findet im Kopf statt. Man kann sich aber nicht an den Schreibtisch setzen, auf einen Knopf drücken und acht Stunden lang kreativ sein.” Dass die Zahlen für ganz Deutschland laut Studien so stark rückläufig sind, hat laut Stolze aber auch einen ganz simplen Grund. Die Daten basieren auf dem Mikrozensus, einer Befragung des statistischen Bundeamtes von zufällig ausgewählten Haushalten. Die Anweisungen für den Interviewer implizierten darin, dass es bei der Frage nach Heimarbeit hauptsächlich um Selbstständigkeit ginge, nicht um das klassische Homeoffice von Angestellten.

Theoretisch kann fast jeder zu Hause arbeiten

Entscheidend für die Chance auf Heimarbeit ist der Beruf. Klar, Krankenpfleger und Kassierer können ihren Job schlecht am Küchentisch ausüben. 2012 waren gut ein Viertel der Deutschen, die teilweise zu Hause arbeiteten, Lehrer. Generell sind vor allem hochqualifizierte Arbeitnehmer in den Statistiken zu finden: Psychologen, Richter und Ingenieure zum Beispiel. Theoretisch sei Heimarbeit aber immer dann möglich, wenn man seine Arbeit mitnehmen kann, so Stolze – “Am besten sollte man auf alles Notwendige digital zugreifen können.” Dann spreche auch nichts dagegen, dass Assistenten und Sekretäre ein paar Tage in der Woche zu Hause sitzen.

Bei Microsoft darf man arbeiten, wo man will

Den Zugriff auf Daten hat Microsoft den Mitarbeitern schnell ermöglichen können. Alles funktioniert dort digital: Dateien werden über die Cloud geteilt und Konferenzen über Skype geführt. Nach einem Jahr mit dem “Vertrauensarbeitsort”, wie Microsoft sein flexibles Arbeitsmodell nennt, zieht Personalchefin Elke Frank ein positives Fazit: “Wir haben einen deutlichen Produktivitätsschub und vor allem auch eine höherer Zufriedenheit unserer Mitarbeiter verzeichnet.” Neun von zehn Microsoft-Mitarbeitern nutzen mittlerweile die Möglichkeit, nicht jeden Tag im Büro sitzen zu müssen. “Wenn nicht mehr alle Mitarbeiter an einem Ort tätig sind, müssen in erster Linie die Führungskräfte umdenken”, sagt Frank. Präsenzpflicht gibt es nur bei Meetings und Mitarbeitergesprächen, ansonsten dürfen alle vom Praktikanten bis zum Geschäftsführer arbeiten, wo sie wollen.

Mehr Bindung zum Unternehmen

Laut Stolze ist die Mischung aus Büro- und Heimarbeit, wie sie auch Microsoft anbietet, die beste Lösung. “Auch wenn viele Mitarbeiter gerne die Möglichkeit zum Homeoffice hätten”, sagt er, “nach zwei Tagen wollen sie auch mal wieder ins Büro, um sich mit Kollegen auszutauschen.” Eine Studie zur Mitarbeitermotivation stützt das: Die Mitarbeiter, die 20 bis 50 Prozent der Zeit im Homeoffice arbeiten, weisen die höchste Bindung zum Unternehmen auf. Angestellte mit einem flexiblem Arbeitsplatz sind außerdem oft zufriedener. “Man kann selbst entscheiden, was man wann macht”, sagt Stolze, “das wirkt sich positiv auf die Motivation und die Work-Life-Balance aus.”

Niederländer haben Recht auf Homeoffice

Gute Argumente helfen jedoch nicht weiter, wenn sich das Unternehmen quer stellt. In Deutschland gibt es kein Recht auf Homeoffice. Nebenan in den Niederlanden ist das anders. Das Land ist seit Juli das erste, in dem jeder Arbeitnehmer das Recht darauf hat, von zu Hause aus arbeiten zu dürfen, so lange der Arbeitgeber keine guten Gründe dagegen nennen kann. In Deutschland hat man im Gegenzug dafür ein Recht darauf, einen Arbeitsplatz vom Unternehmen gestellt zu bekommen. Erlaubt die Firma Heimarbeit, müssen die Konditionen dafür im Arbeitsvertrag festgelegt werden. Darin sollte zum Beispiel auch geklärt werden, wie der Arbeitsplatz zu Hause aussieht und wie sich das Unternehmen an den Kosten für die Einrichtung des Homeoffice beteiligt. Bei Microsoft bekommen alle Mitarbeiter einen Laptop gestellt, von dem aus sie auf alles, was sie zum Arbeiten brauchen, zugreifen können. Mit dem Büro lässt man die deutsche Bürokratie allerdings auch im Homeoffice nicht hinter sich: Auch dort gilt für die Arbeit am PC dieBildschirmarbeitsverordnung. Der Arbeitgeber muss danach Mindeststandards am Arbeitsplatz garantieren.

Chefs haben wenig Vertrauen

Nach dem Vorbild der Niederlande machte Christian Bäumler aus dem CDU-Arbeitnehmerflügel im Sommer einen Vorstoß und forderte ein ähnliches Recht auf Homeoffice. Bei seinen Parteikollegen stieß das auf wenig Begeisterung und auch die deutschen Chefs tun sich noch schwer damit, die Mitarbeiter aus dem Büro zu lassen. Der IT-Verband Bitkom hat 1500 Geschäftsführer aller Branchen zum Thema Homeoffice befragt. Die Chefs gaben dabei zu, zu wenig Vertrauen zu haben: Mitarbeiter seien zu hause zu schwer zu erreichen, zu kontrollieren und weniger produktiv. In jedem der Betriebe gilt für mehr als die Hälfte der Angestellten eine Anwesenheitspflicht. Immerhin: 25 Prozent der Befragten glauben, Heimarbeit würde in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Nur in ihrem eigenen Unternehmen, da wollen die Geschäftsführer das scheinbar nicht so gerne sehen. Die häufigste Antwort auf die Frage nach Gründen, die gegen Homeoffice sprechen? Da machen es sich die Chefs leicht: “Homeoffice ist im Unternehmen generell nicht vorgesehen.”

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