Das is alles voll Seiße!

Schimpfwörter - Titel

Hip-Hop? Ist heute gewaltverherrlichend, öbszön und definitiv nichts für Drittklässler. Doch die guten alten Fantastischen Vier haben auch ein ziemlich fieses Lied, das Tilda Beck ganz vergessen hatte. Über böse Wörter und böse WhatsApp-Nachrichten.

Neulich lief ein alter Song der Fantastischen Vier im Radio. Da wurde mein Drittklässler ganz still, lauschte andächtig:

„Moment was geht? Ich sag’s Dir ganz konkret
Am Wochenende hab ich mir den Kopf verdreht
Ich traf eine junge Frau, die hat mir ganz gut gefallen
Und am Samstag in der Diskothek ließ ich die Korken knallen”

Konrad drehte lauter. „Mama, wie heißt das? Das ist cool.“
Und ich tat, was Mütter nach so einem Satz tun: Ich nahm meine „Vier gewinnt“-CD und spielte sie auf seinen MP3-Player. Ich tat es gern, weil mich diese Platte der Fantastischen Vier selbst in meiner Jugend begleitet hat. Was sollte schon dabei sein?

Ein paar Tage später war eine dieser übermotivierten, etwas ängstlichen Mütter mit ihrem Sohn zu Besuch, jene Sorte, die jede Kleinigkeit im Leben ihrer Kinder überwacht. Die Jungs zogen sich zurück, sie hörten gemeinsam Musik, jeder einen Stöpsel im Ohr, kichernd.

Am nächsten Tag dann eine WhatsApp:
Anne: Hallo Tilda, ich will Dir ja nicht zu nahe treten aber ich finde es nicht okay wenn Milo bei Euch Lieder hört, die „Arschloch“ heißen!!

Erwischt. Den letzten Song auf der ansonsten fröhlichen Platte „Vier gewinnt“ hatte ich ganz vergessen. Reflexhaft bekam ich ein schlechtes Gewissen. Das Stück heißt tatsächlich „Arschloch“, und der Refrain lautet:
„Leck mich, ich bin’n Arschloch
Leck mich, du dumme Sau“

Hätte ich das Album vorher noch mal durchhören müssen? Ich kam ins Grübeln.

Der Umgang mit Schimpfwörtern ist für Eltern ja allgemein nicht leicht. Meine eigene Taktik war lange von einer wechselhaften „Bis-hierhin-und-nicht-weiter“-Pädagogik geprägt. Als Konrad mit anderthalb Jahren die ersten Wörter sprach, lispelte er ziemlich bald auch „Seiße“ nach. Das fanden wir in diesem Alter, als eines seiner ersten zwanzig Wörter, komisch – und vermieden es von da an, „Scheiße“ zu sagen. Mit zwei rief er bei jeder Gelegenheit „Kacka“ und lachte sich kaputt, wir mussten mitlachen. Mit drei Jahren schimpfte er mich eine „Pupsmama“, wenn es Käsebrot statt Milchreis gab. Ich dachte: Er darf seinem Unmut ruhig Ausdruck verleihen und lächelte gleichmütig.
Doch ich musste feststellen, dass meine Toleranz Grenzen hat. Neulich auf dem Supermarktparkplatz brüllte ein etwa zehnjähriger Junge seine Mutter an: „Du bist die verfickteste Scheißmutter der Welt!“ Auch wenn es einer Mutter eigentlich egal sein sollte, was andere Leute über sie denken: Da möchte man doch vor Scham im Boden versinken. Oder das Kind auf dem Parkplatz stehen lassen und einfach verduften. Beides leider unmöglich.

Wie sollte ich also umgehen mit dem „Arschloch“-Lied? Würde ich bald eine verfickte Scheißmutter sein, wenn ich ihm keine Cola kaufte? Da meldete sich die Sprachwissenschaftlerin in mir. Phonologisch gesehen ist es doch absurd: „Picken“ und „heiß“ sind normale Wörter, aber „ficken“ und „Scheiß“ verunreinigen das Innenohr? Außerdem: Über Popos wird fast täglich mit Kindern geredet – warum sollten sie von Arschlöchern nichts wissen dürfen?

Ich sprach mit Konrad. „Weißt Du eigentlich, was ein Arschloch ist?“
„Ja, klar“, sagte mein Sohn.
Damit hätte die Unterhaltung beendet sein können. Ich wollte aber eine Auseinandersetzung mit dem Thema und erklärte: „Die Leute sagen das ja zueinander, wenn sie sich schlimm beschimpfen wollen. Eigentlich ist damit das Popoloch gemeint. Schräg, oder?“
„Ja, weiß ich“, sagte Konrad.
„Und, hast du schon mal zu jemandem Arschloch gesagt?“
„Nö“, sagte der Sohn gelangweilt.
Pause.
„Warum haben du und Milo das Lied gleich als erstes gehört?“, bohrte ich.
„Keine Ahnung. Is’ doch lustig.“
Für Konrad war das alles bloß ein Spaß, nicht der Rede wert. Das beruhigte mich. Ich beschloss, ebenfalls kein großes Ding daraus zu machen. Konrad würde schon wissen, wie man diese Wörter einordnet.
Ich schrieb an Milos Mutter. „Hi Anne. Ich glaube nicht, dass unsere Kinder durch das Hören dieses Wortes beschmutzt werden. Lass uns gern mal darüber reden.“
Anne hat mir nicht mehr geantwortet.

Statistik ausgewählte Schimpfwörter

von Tilda Beck für die Spiegel-Online Elterncouch (16.10.2015)

Hier geht es zum Originalartikel: Hier klicken.

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