Irans eigener Nukleargipfel


Die “Sünde” von Teheran

Das iranische Regime ruft zum eigenen Nukleargipfel nach Teheran und inszeniert sich als Vorkämpfer für die atomare Abrüstung. Die Polit-Schau scheint das letzte Aufgebot eines weitgehend entrückten Regimes zu sein.

Die Amerikaner lügen. Die ganze Welt lügt. Iran ist nicht isoliert. Und die Kollegen vom iranischen Fernsehen können es beweisen.

Seit einer Stunde stehen die Kameramänner und Reporter der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt (IRIB) nun schon im Foyer der großen Konferenzhalle ihres Senders und filmen die Ankunft von Delegierten zur großen Abrüstungskonferenz des Regimes. Gerade kommt ein dicker alter Mann höchst gewichtig die Treppe herunter, umgeben von einer Handvoll Kofferträgern in dunklen Anzügen. “Wer ist das?” fragt einer und wird mit einem scharfen Blick vom Protokollbeamten abgestraft. Es ist der syrische Außenminister, einer der Stars der Veranstaltung.

Der Mann aus Damaskus stellt sich den Kameras, lächelt wohlwollend, grüßt solidarisch und entschwindet hinter die Kulissen, denn von oben drängt bereits eine farbenprächtige Gruppe ins Bild. Im goldbestickten Burnus und mit prächtigem Turban zelebriert der Außenminister von Oman sein Erscheinen. Es heißt jedenfalls, dass er das sein soll. Ganz sicher ist sich auch der Mann vom Protokoll nicht. Egal, da kommen schon die nächsten. Irgendwer aus Afrika. Aber wie die Männer die Stufen hinabschreiten, das gibt schon schöne Bilder. Teheran steht nicht allein – zum Beleg dieser Botschaft reicht es.

Alles ist etwas improvisiert, im Ungefähren und Ungewissen bei diesem Gipfeltreffen zur “Globalen Sicherheit ohne Massenvernichtungswaffen”, zu dem Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad eingeladen hat. Und alles ist, wie immer, wenn der große Staatschef sich einer Sache annimmt, leicht bis stark übertrieben. “Über 70 Länder haben unsere Einladung akzeptiert”, erklärt Vize-Außenminister Mehdi Achundsadeh, der Generalsekretär der Veranstaltung, für die er das Motto gewählt hat “Nukleare Energie für alle – Atomwaffen für niemanden”. Achundsadeh war mal Botschafter des Gottesstaats in Berlin und kennt das Geschäft. Deshalb betont er, dass die Veranstaltung nicht Teherans Antwort auf Barack Obamas Atomgipfel am vergangenen Montag und Dienstag in Washington ist, zu dem die Paria-Staaten Nordkorea und Iran nicht geladen waren. Aber wenn er dann hinzusetzt, dass die Teheran-Konferenz nicht gedacht sei, “Washington zu überschatten”, dann hat das etwas geradezu Rührendes. Realitätssinn ist in Teheran ein hohes Gut, mit dem im Regime nur wenige gesegnet sind.

Ohne Erlaubnis der Zensurbehörde wagt kaum einer zu sprechen

Doch an den Westen richtet sich die Veranstaltung ohnehin nur auf den ersten Blick. Zwar hat das Regime zur Konferenz Journalisten ins Land gelassen, und damit ist die monatelange Visa-Sperre nach den Unruhen um die ganz offensichtlich manipulierte Wiederwahl Ahmadinedschads am 12. Juni für wenige Tage aufgehoben. Wer Zugang zu Gesprächspartnern sucht, erst recht zu Kritikern des Regimes, wird allerdings vom Erschad, dem Ministerium für “Weisung”, ausgebremst. Ohne Erlaubnis der Zensurbehörde wagt kaum einer zu sprechen. Dass angeblich 200 Pressevertreter eingeladen worden seien, versucht die Führung dem Volk dennoch als Zeichen der Normalisierung zu verkaufen.

Es ist vielmehr die Heimatfront, an die sich die Konferenz als letztes, nahezu verzweifeltes Aufgebot des Regimes richtet. Sie soll das Heer der unzufriedenen Iraner davon überzeugen, dass die Führung wirklich nur zivile Absichten mit ihrem Nuklearprogramm verfolgt – und die bevorstehende neue Sanktionsrunde im Weltsicherheitsrat wieder mal ein gemeiner Winkelzug des “großen Satans” USA und von dessen Verbündeten ist. So wird jeder Teilnehmer, selbst die angereisten Journalisten, Part der großen Unschuldsinszenierung des Regimes.

Bilder und Dokumente im Konferenzraum stellen Iran als Giftgasopfer im achtjährigen Krieg mit dem Irak Saddam Husseins dar – und jetzt soll dieses Land selbst nach der schlimmsten aller Massenvernichtungswaffen, der Atombombe, greifen? Noch vor der ersten Rede müssen die Delegierten historische Filmaufnahmen von US-Militärs, den Atompilz über Hiroshima, den Toten, Verstümmelten über sich ergehen lassen – und von diesem mörderischen Amerika soll sich Iran die friedliche Nutzung der Atomenergie verbieten lassen?

Ahmadinedschad drischt auf die üblichen Verdächtigen ein

Nein, sagt der Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei in einer Grußbotschaft zur Eröffnung der Konferenz, die sein Berater für außenpolitische Fragen, der langjährige Außenminister Ali Akbar Velajati verliest. Von dem “einzigen Atomkriminellen der Welt” lasse sich Iran nicht von seinem Weg abbringen. Dennoch gehe von seinem Land keine Gefahr aus, beruhigt der Revolutionsführer, das gebiete schon der Islam. Denn die Anwendung von Massenvernichtungswaffen sei für Muslime “haram”, eine schwere Sünde, verboten.

Nachdem Chamenei die große Richtung vorgegeben hat, drischt sein treuer Diener Ahmadinedschad auf die üblichen Verdächtigen ein. In seiner sehr speziellen “Logik”, die er mehrfach bemüht, haben die USA ihr Recht auf Mitgliedschaft in der Atombehörde IAEA verwirkt, so wie die ganze Uno-Behörde eigentlich abgeschafft gehört, weil sie ihrem Abrüstungsauftrag nicht nachkomme. Und natürlich müsse erst einmal das Atomarsenal des “zionistischen Regimes” Israel geräumt werden.

Dennoch ist der Präsident, der gerade noch die USA aus allem rausschmeißen wollte, zur Zusammenarbeit bereit. “Warum veranstalten wir eigentlich zwei Konferenzen”, fragt er in Anspielung auf den Nukleargipfel in Washington, “und nicht eine?” Logisch.

So ist die ganze Konferenz denn auch eher ein Beleg für die Entrücktheit der Führung – und die Dreistigkeit ihrer Untergebenen, zur Not die Wirklichkeit ein wenig zurechtzurücken. Voller Stolz wird da verkündet, dass die Internationale Atomenergie Kommission, mit der Teheran um die Anreicherung von Uran streitet, eine Delegation entsendet habe. Dabei hat die Wiener Behörde, die Irans angeblich nur zivilem Nuklearprogramm zutiefst misstraut, nur eine unmaßgebliche Beobachterin geschickt. Ohne Rücksicht auf Tatsachen wurde auch Deutschland zum Teilnehmer erklärt. In der Länderliste steht “Germany” gleich hinter Frankreich und vor Georgien auf Platz 18. Dabei ist noch nicht einmal jemand aus der deutschen Botschaft gekommen.

Dass sich Iran, obwohl es im Verdacht steht, selbst an der Bombe zu bauen, mit der Konferenz als Rüstungsgegner aufspielt, ist für westliche Diplomaten in Teheran denn auch eher “der Gipfel der Dreistigkeit”.

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